Überleben ohne Arzt

So lautet der Titel eines meiner Lieblingsbücher. Der deutsche Abenteurer und Menschenrechtsaktivist Rüdiger Nehberg beschreibt darin, wie man sich hilft, wenn weit und breit kein Arzt zur Verfügung steht. Er tut das so unterhaltsam, dass es einem am Ende kinderleicht vorkommt, einen entzündeten Blinddarm mit einem angeschliffenen Campinglöffel zu entfernen.

Nehberg, dass ist der, der 1981 mit nicht viel mehr als einem Overall am Körper 1000 km durch die BRD marschiert ist und sich von frisch überfahrenen Tieren und Insekten ernährt hat. Das ZDF begleitete ihn. Ich sah das als 12 jähriger im Westfernsehen bei meiner Oma. Sie schüttelte sich. Ich war fasziniert.

Nehberg war der verrückteste aller Abenteurer. Durch die Erfahrungen auf seinen Reisen wurde er zum Menschenrechtsaktivisten. Drei mal überquerte er auf selbstgebauten Fahrzeugen den Atlantik, um auf das Schicksal bedrohter Amazonas-Indianer aufmerksam zu machen. In den letzten 20 Jahren hat er ganz auf seine Art mit unkonventionellen Mitteln gegen die Genitalverstümmelung junger Mädchen in Afrika gekämpft.

Kurz nach der Wende las er aus seinem aktuellen Buch – ich hatte alle – im Rostocker Kuhtor. Ich hatte keine Eintrittskarte mehr bekommen und fuhr einfach auf gut Glück hin. Ich schilderte dem kleinen drahtigen Mann vorm Eingang mein Problem. Er sagte, dann hilf uns mal beim Stühle rein tragen und danach hatte ich einen der besten Plätze im voll besetzten Veranstaltungsraum.

Vier mal bin ich ihm insgesamt begegnet. Das letzte mal vor vier Jahren zusammen mit meinen Kindern in der Stadthalle. Da war er schon 80 und steckte doch noch voller Energie. Er war wieder mitten in einer seiner Campagnen. Und natürlich gab es keinen normalen Platz mehr. Wir saßen auf dem Fußboden.

Einer, der der Welt wirklich fehlen wird, ist am 1. April gestorben.